WHERE LINES BECOME SPACE
Vernissage: 24. April 2026 / 18:00
Duration: 25. April – 06. June 2026
Alke Reeh (DEU)
Jeongmoon Choi (KOR)
Galerie Maurer
Fahrgasse 5
60311 Frankfurt am Main
https://www.galerie-maurer.com/
DE
Meine künstlerische Praxis bewegt sich im Spannungsfeld von Linie, Fläche und Raum. Ausgangspunkt ist die gerade Linie, die Mithilfe von Fäden in den Raum übertragen und dort zu dreidimensionalen Zeichnungen – „Drawing in Space“ – erweitert wird.
Der Faden fungiert dabei als zeichnerisches Medium, in dem sich die Linie materialisiert und zugleich transformiert: als Spur, Struktur und Lichtphänomen. In dieser Verschiebung löst sie sich von der Zweidimensionalität der Fläche und schreibt sich in den erfahrbaren Raum ein, wo sie als räumliche Setzung wirksam wird.
In den Installationen verdichten sich zahlreiche Fäden zu komplexen, raumgreifenden Netzwerkstrukturen, die den Raum nicht nur besetzen, sondern als relationale Struktur neu organisieren. Durch den Einsatz von UV-Licht werden diese materiellen Konstruktionen partiell entmaterialisiert und in einen Zustand visueller Instabilität überführt, in dem sie als nahezu immaterielle, schwebende Konfigurationen erscheinen.
Die Arbeiten sind als begehbare Räume konzipiert, in denen Wahrnehmung als situative und körperlich verankerte Praxis erlebt werden kann. In diesem Zusammenhang wandelt sich die Position des Betrachters von einer distanzierten Haltung hin zu einer körperlichen, den Raum konstituierenden Teilhabe. Durch ihre Bewegung innerhalb der linearen Strukturen werden sie selbst zu relationalen Akteuren des Raums, dessen Ordnung sich erst im Vollzug der Wahrnehmung stabilisiert und ständig neu konfiguriert.
In einer weiteren Werkgruppe untersuche ich die Übersetzung von Sprache in visuelle Strukturen. Der Barcode dient dabei als System, das Informationen gleichzeitig speichert und verschleiert. Wörter werden in lineare Codes transformiert und räumlich organisiert. Einige dieser Codes können mit einem Barcode-Scanner gelesen werden, andere lassen sich nicht direkt entschlüsseln. Dadurch entsteht eine Spannung zwischen Zugänglichkeit und Unzugänglichkeit.
Die Arbeiten bestehen aus fein gespannten Fäden, die über zwei Ebenen angeordnet sind. Durch die Überlagerung dieser Ebenen entstehen sich verändernde visuelle Felder, die erst durch Bewegung vollständig wahrnehmbar werden. Die Wahrnehmung entfaltet sich durch den Körper. Mit jedem Schritt verändern sich die Linien – Dichte, Rhythmus und Klarheit sind ständig im Fluss.
In Illusion – B1 und Illusion – B2 verzerre ich den Barcode so weit, dass er seine Funktion verliert. Was bleibt, ist eine fließende, fast immaterielle Linienstruktur, die erst durch Bewegung sichtbar wird. Die Verwendung blauer Fäden ruft Assoziationen mit Wasser hervor – Fluss, Tiefe und Instabilität – und deutet auf ein Bild hin, das niemals festgelegt ist.
Die dreiteilige Arbeit Illusion – Y3 setzt diese Untersuchung durch Wiederholung und Rhythmus fort. Obwohl die Information unlesbar bleibt, wird die innere Logik des Barcodes (1-0-1) – seine binäre Struktur – als Verteilung von Linien sichtbar. In Kombination mit einer Wandzeichnung dehnt sich die Arbeit in den umgebenden Raum aus und verbindet Objekt und Umgebung.
Die Arbeit I_am_ok reflektiert die Lücke zwischen dem, was wir sagen, und dem, was wir fühlen. Der Satz „I am ok“ erscheint klar, wird hier jedoch codiert. Das aus Fäden konstruiert und in einem Rahmen befestigte Werk erschließt sich erst durch den Einsatz eines Barcode-Scanners. Die Arbeit ist sichtbar, aber nicht unmittelbar verständlich. Diese Trennung zwischen Sichtbarkeit und Bedeutung verweist auf alltägliche Kommunikation, in der einfache Aussagen oft komplexere emotionale Realitäten verbergen.
I am ok wird weniger zu einer Aussage als zu einer Schutzgeste – eine Möglichkeit, Distanz zu schaffen und zugleich auf etwas Ungesagtes hinzuweisen. Mich interessiert, wie Sprache zugleich enthüllen und verbergen kann.
In Yes – 02 und No – 02 reduziere ich Sprache auf zwei grundlegende Begriffe. Diese Wörter suggerieren Klarheit und Entscheidung, tragen jedoch Mehrdeutigkeit und emotionale Gewichtung in sich. Durch die Übersetzung in Barcodes verschiebe ich ihre Unmittelbarkeit. Sie müssen entschlüsselt werden, und in diesem Prozess wird die Idee einer klaren Entscheidung instabil.
„Yes“ kann Zustimmung bedeuten, aber auch Anpassung. „No“ kann Ablehnung ausdrücken, aber ebenso Verletzlichkeit oder Selbstschutz. Beide Wörter sind vom Kontext geprägt, und ihre Bedeutung ist niemals vollständig festgelegt. Durch diese Arbeiten reflektiere ich die Fragilität von Sprache und die Komplexität hinter scheinbar einfachen Ausdrücken. Mich interessiert der Raum zwischen dem, was sichtbar ist, und dem, was verstanden wird – zwischen Struktur und Erfahrung, zwischen Klarheit und Ambiguität.
Die Skulptur Tensegrity untersucht das Zusammenspiel von Spannung, Stabilität und Raum. Die Skulptur aus Metall und gespannten Fäden hält sich nicht durch feste Verbindungen, sondern durch ein Gleichgewicht von Zug und Widerstand. Die Fäden übernehmen dabei eine tragende Rolle: Sie machen Kräfte sichtbar und strukturieren den Raum zwischen den Elementen. So bildet sich ein Gefüge, das zugleich stabil und fragil wirkt. Die Arbeit versteht Stabilität nicht als festen Zustand, sondern als ein fortwährendes Ausbalancieren von Kräften.
EN
My artistic practice operates within the tension between line, surface, and space. The starting point is the straight line, which is transferred into space with the help of threads and expanded there into three-dimensional drawings – “Drawing in Space.”
The thread functions as a drawing medium in which the line materializes and simultaneously transforms: as trace, structure, and light phenomenon. In this shift, it detaches itself from the two-dimensionality of the surface and inscribes itself into experiential space, where it becomes effective as a spatial intervention.
In the installations, numerous threads condense into complex, expansive network structures that not only occupy space but reorganize it as a relational structure. Through the use of UV light, these material constructions are partially dematerialized and transferred into a state of visual instability, in which they appear as almost immaterial, floating configurations.
The works are conceived as walkable spaces in which perception can be experienced as a situational and bodily anchored practice. In this context, the position of the viewer shifts from a distanced stance to a physical participation that constitutes space. Through their movement within the linear structures, they themselves become relational actors of the space, whose order stabilizes only in the act of perception and is constantly reconfigured.
In another group of works, I investigate the translation of language into visual structures. The barcode serves as a system that simultaneously stores and obscures information. Words are transformed into linear codes and organized spatially. Some of these codes can be read with a barcode scanner, while others cannot be directly deciphered. This creates a tension between accessibility and inaccessibility.
The works consist of finely stretched threads arranged across two levels. Through the superimposition of these levels, shifting visual fields emerge that can only be fully perceived through movement. Perception unfolds through the body. With each step, the lines change—density, rhythm, and clarity are in constant flux.
In Illusion – B1 and Illusion – B2, I distort the barcode to the point where it loses its function. What remains is a flowing, almost immaterial line structure that becomes visible only through movement. The use of blue threads evokes associations with water—flow, depth, and instability—and points to an image that is never fixed.
The three-part work Illusion – Y3 continues this investigation through repetition and rhythm. Although the information remains unreadable, the internal logic of the barcode (1-0-1)—its binary structure—becomes visible as a distribution of lines. In combination with a wall drawing, the work expands into the surrounding space and connects object and environment.
The work I_am_ok reflects the gap between what we say and what we feel. The phrase “I am ok” appears clear, yet here it is encoded. Constructed from threads and mounted within a frame, the work can only be accessed through the use of a barcode scanner. It is visible, but not immediately understandable. This separation between visibility and meaning refers to everyday communication, in which simple statements often conceal more complex emotional realities.
“I am ok” becomes less a statement than a gesture of protection—a way of creating distance while simultaneously pointing to something unspoken. I am interested in how language can both reveal and conceal.
In Yes – 02and No – 02, I reduce language to two fundamental terms. These words suggest clarity and decision, yet they carry ambiguity and emotional weight. By translating them into barcodes, I shift their immediacy. They must be decoded, and in this process, the idea of a clear decision becomes unstable.
“Yes” can signify agreement, but also adaptation. “No” can express rejection, but also vulnerability or self-protection. Both words are shaped by context, and their meaning is never fully fixed. Through these works, I reflect on the fragility of language and the complexity behind seemingly simple expressions. I am interested in the space between what is visible and what is understood—between structure and experience, between clarity and ambiguity.
The sculpture Tensegrity explores the interplay of tension, stability, and space. The sculpture, made of metal and tensioned threads, is held together not by fixed connections but by a balance of tension and resistance.
The threads take on a structural role: they make forces visible and organize the space between elements. In this way, a structure emerges that appears both stable and fragile. The work understands stability not as a fixed state, but as a continuous balancing of forces.